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SYNÄSTHESIEN

„Lass uns doch bitte über die Nußallee gehen, die Straße ist so schön rot und freundlich.“ „Du weißt doch, dass ich keinen blauen Wein mag, gib mir bitte etwas von dem gelben Wein, der riecht doch außerdem so lecker nach rauchigem Speck.“ „Mama, ich möchte nicht mehr in die Schule gehen. Der neue Lehrer ist so braun, und ich mag doch kein braun. Der gelbe Lehrer war viel freundlicher und netter.“

Zugegeben, diese Sätze hören sich im ersten Moment verrückt an. Doch es gibt Menschen, für die sind solche Sätze vollkommen normal und selbstverständlich. Sie gehören zu ihrer Lebenswelt dazu. Menschen, die auf einen Reiz nicht nur mit einem Sinnesorgan reagieren, sondern mit zwei oder mehr, werden auch als Synästhetiker bezeichnet. Die Sinneseindrücke dieser Menschen reagieren auf einen Reiz hin simultan (gleichzeitig) - auch wenn nur die Stimulation von einem Sinnesorgan erfolgt. Die Lebenswelt von Synästhetikern ist in der Regel viel bunter und lebhafter als die eines Nicht-Synästhetikers. Oft wissen sie nicht, dass ihre Art der Wahrnehmung eine ganz besondere ist. Sie sind dann völlig überrascht, wenn sie feststellen, dass z.B. nicht jeder Mensch Buchstaben und Zahlen in Farben sieht. Umgekehrt geht es Nicht-Synästhetikern genauso. Nicht selten führt dies auf beiden Seiten zu Irritationen und Konflikten.


Der Anteil an Synästhetikern in der Bevölkerung wird auf etwa 4-5% geschätzt. Im Hinblick auf die Anzahl von Synästhesien wird vermutet, dass es bis zu 176 verschiedene Arten gibt. Jeder Synästhetiker erlebt hierbei seine Synästhesien höchst individuell. Eine Vergleichbarkeit ist aufgrund dessen fast nicht möglich. Dies erklärt auch, weshalb die Erforschung von diesem Phänomen bisher noch in den Kinderschuhen steckt. 

 

Am häufigsten tritt die Farb-Graphem-Synästhesie, die Number-Form sowie die Farb-Musik- bzw. Geräusche--Synästhesie auf. Eine vollständige Auflistung der verschiedenen Synästhesien ist aufgrund der Vielzahl nicht möglich, so dass im folgenden nur Beispiele aufgelistet sind: 


     1. Farb-Graphem-Synästhesie (68,8 %)
      Buchstaben und Zahlen erscheinen in Farben und/oder Formen. 


     2. Number-Form (23,4 %)
      Sequenzen oder Konzepte erscheinen in Gedanken (z.B. innere Kalender).


     3. Farb-Musik--Synästhesie (18,5 %) 
      Musik erscheint in Farben oder Formen (z.B. hoher Klavierton = blaues      

      spitzes Dreieck).


     4. Farb-Geräusche--Synästhesie (14,3%)
      Geräusche erscheinen in Farben oder Formen (z.B. Fahrt im Zug =      

      umgedrehte Halbkreise).


     5. Farb-Musiknoten--Synästhesie 
      Musiktöne erscheinen in Farbe oder Formen (z.B. Ton C erscheint in    

      hellblau).


     6. Farb-Geschmack-Synästhesie (7,5%)
      Geschmack nimmt eine Farbe oder Form an (z.B. Wein schmeckt gelb).

  
     7. Farb-Personen-Synästhesie (4,5%)
      Personen nehmen eine Farbe an (z.B. besonders freundlicher Mensch    

      verfärbt sich rot).

Während sich durch Synästhesien viele Vorteile ergeben, gibt es manchmal auch Nachteile, die sich insbesondere im schulischen Kontext auswirken. Nicht selten wird bei einem Synästhetiker z.B. eine Dyskalkulie oder Legasthenie festgestellt. Aber auch der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S und Autismus scheint erhöht zu sein. Synästhetiker gehen oft ihren individuellen Weg, um ein Ziel zu erreichen. Dies führt häufig dazu, dass sie von ihrer Umwelt nicht verstanden werden und nicht selten wird ihnen ihr Verhalten als vermeintliches Defizit unterstellt. Dabei sind Synästhetiker in der Regel  sehr begabt, sensibel und kreativ.  

 

Modell in Vibrant Pattern
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